Ausstellungstitel: Achtunddreissig Dinge

Nr. 33/38

Objekte aus der zahnärztlichen Sammlung

Pelikan – Extraktionsinstrument für Backenzähne; 18. Jh.; Eisen mit Griff aus Horn

Pelikan – Extraktionsinstrument für Backenzähne; 18. Jh.; Eisen mit Griff aus Horn; 13,5 cm (Länge); Zahnärztliche Sammlung der Zahnklinik Tübingen, Universität Tübingen

Geschnitzter Zahnersatz aus Walross- und Fluss- pferdzähnen; um 1800; lebensgroß; Zahnärztliche Sammlung der Zahnklinik Tübingen, Universität Tübingen

Geschnitzter Zahnersatz aus Walross- und Fluss- pferdzähnen; um 1800; lebensgroß; Zahnärztliche Sammlung der Zahnklinik Tübingen, Universität Tübingen

Zerfallene Gummata der Zunge beim tertiären Stadium dArtikulator mit Kautschukprothese; 1909; lebensgroßer Lues

Artikulator mit Kautschukprothese; 1909; lebensgroß; Zahnärztliche Sammlung der Zahnklinik Tübingen, Universität Tübingen

„Pelikan“ und Backenzahn

Ein „Pelikan“, so erfahren wir in dem 1666 erschienenen „Wund-Artzneyischen Zeug-Hauß“ des Ulmer Arztes und Chirurgen Joannes Scultetus, sei eine Zahnzange, die so heiße, „ ...weil sie dem Schnabel des Pelicans gleichet. Mit dieser Zang pflegen die jetzige Chirurgi fürnemlich die Stock- Zähn (Backenzähne) ohne Mühe außzureissen.“ Dass Zähne extrahieren indessen nicht immer so mühelos war, wie uns der Ulmer Stadtarzt Johannes Schultheiß glauben machen will, entnehmen wir dem Bericht des Nordhorner Chirurgen Ludwig Cron vom Anfang des 18. Jahrhunderts: „Mir selbsten ist es mit meinem Sohn Conrad Martin begegnet, als er kaum 11 Jahr alt war, hatte er in den untern Kieffer lincker Seiten den ersten Backen-Zahn so ihm hohl war, und grossen Schmerzen machte, ich nahm den Pelican und wollte ihme solchen heraus drücken, er hielte mir aber gar nicht stille, drückte ihm derentwegen, wider meinen Willen, den daran stehenden Hundes Zahn (Eckzahn) fast gantz in den Mund hinein, dass er aus seiner Wurtzel heraus war, nahm ihn aber geschwind, drückte ihn wieder in sein Loch, da er dann hernach wiederum so feste eingewurtzelt, dass er damit beissen konnte, wie zuvor, den hohlen Zahn aber ließ ich stehen, und cauterisierte ihn (brannte ihn aus) mit einem glüenden Eisen, dieweilen er oben gantz hohl und offen war, und er ferner zum Ausziehen nicht halten wollte, wodurch ihm dann sein Zahnschmertzen völlig vergangen ist.“

Wegen seiner Zahnprobleme putzte der amerikanische Präsident George Washington täglich die Zähne. Doch auch sorgfältige Mundhygiene konnte nicht verhindern, dass er schließlich alle Zähne bis auf einen verlor. Der rüstige Mittfünfziger fand aber, er sei zu jung für ein Leben ohne Biss und ließ sich von dem bekannten Prothesenmacher John Greenwood ein künstliches Gebiss aus Nilpferdzahn und Goldplatten fertigen. Geschmolzenes Blei hielt die künstlichen Zähne an ihrem Platz, wobei neben menschlichen Zähnen auch die von Pferd und Esel Verwendung fanden. Problematisch blieb, dass sich die Zähne immer wieder lockerten, so dass sich George Washington wiederholt neue Prothesen bestellen musste, von denen eine heute noch in seinem Landsitz Mount Vernon zu sehen ist. Ober- und Unterkieferprothese waren mit Federn verbunden. Deshalb musste ihr Träger kräftig zubeißen, wenn er den Mund geschlossen halten wollte.

Ein „Artikulator“ ist eine zahntechnische Vorrichtung zur Fixierung der Kiefermodelle in richtiger Bissstellung mit Seitbiss- und Vorschubbewegungsmöglichkeit. Das Besondere an diesem „Gebisssimulator“ vom Anfang des letzten Jahrhunderts ist das Fehlen einer Substanz, ohne die Prothetik heute undenkbar wäre: des Kunststoffs. Stattdessen verwendete man damals Kautschuk, in dem künstliche Zähne aus Porzellan verankert wurden.

Martin Widmann


- Cron, L. (1717): Kurtzer jedoch gantz deutlicher Unterricht von
Aderlassen und Zahnausziehen. Leipzig.
- Scultetus, J. (1666 [Neuauflage Stuttgart 1988]): Wund-Artzney-
isches Zeug-Hauß. Frankfurt a. M.

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