Beim Schatz des Monats April 2024 handelt es sich um einen Becher, der sich von alleine leert – und mit Bedeutung füllt
Oft genug eilt man im Museum an ihnen vorbei, an den endlosen Reihen keramischen Geschirrs, das dank der Unverwüstlichkeit gebrannten Tons aus der Antike auf uns gekommen ist. Wenn es obendrein keinen Bildschmuck trägt, scheint es zunächst wirklich nur stummer Zeuge einer schlichten Zweckmäßigkeit.
Dabei ist die sinnhafte, ja geradezu politische Dimension des Trinkgefäßes auch der Jetztzeit durchaus geläufig: Schon Theodor Heuss vermerkte mit schwäbischem Feinsinn, dem landesüblichen ‘Viertele’ liege eine Idee von Gemeinschaft zugrunde, die weit über die alkoholischen Volumenprozent hinausreiche. Etwas weiter östlich ist es der Maßkrug, der als Attribut krachlederner Ministerpräsidenten derart fest etabliert ist, dass kaum jemand Anstoß daran nimmt, wenn der Amtsinhaber zugleich ein ‘Keine Macht den Drogen’ hinausposaunt.
Die Kultur des Trinkens im antiken Griechenland kennt ebenfalls unterschiedliche Formen und Größen von Gefäßen, denen jeweils eigene Gruppen, Anlässe und Verhaltensweisen entsprechen: Raffiniert zu handhabende Schalen, schlichte Trinkkännchen, die vom Schöpfen direkt zum Trinken hinüberführen, aber auch Trinkhörner sind bezeugt. Einen ganz eigenen Platz in diesem Werkzeugkasten des Weinkonsums nimmt der sogenannte Kantharos ein, ein tiefer Humpen, dessen große vertikale Henkel wie Ohren abstehen – ein Gefäß zum Bechern ebenso wie zum Dranfesthalten. Antike Vorstellungen verbinden diese Form mit dem Weingott Dionysos höchstselbst, außerdem mit Heroen wie Herakles: Gestalten, die nicht nur in ihren Kräften, sondern auch in ihren Ansprüchen, ihrem Appetit und nicht zuletzt ihrem Durst über das sterbliche Normalmaß hinausragen. Als Beigabe solch überlebensgroßer Figuren wird der Kantharos über das eigentliche Trinken hinaus zu einem „Symbol herausgehobenen, heroischen Daseins“, so der Freiburger Archäologe Ralf von den Hoff. Dieses Gefäß ist eine Ansage: Aus einem Kantharos trinken heißt – auch im übertragenen Sinne – einen großen Schluck aus der Pulle zu nehmen.
Von den Charakteristika der Gefäßform macht auch ein Kantharos der Tübinger Antikensammlung keine Ausnahme, der ganz und gar mit einem schwarzen Überzug versehen ist. Dessen Glanz kommt besonders gut auf den horizontal verlaufenden Kehlen zur Geltung, die den Gefäßfuß umlaufen und an metallene Riefelgefäße erinnern. Die von den Henkeln abgehenden Sporne verleihen ihm ein robustes Gepräge. Gefertigt wurde er wohl in Athen der Jahre um 440/30 v. Chr., zur gleichen Zeit also, als vor den Augen der Zeitgenossen auf der Akropolis der Bau des Parthenon emporwuchs.
Der Fundkontext des Tübinger Kantharos ist unbekannt, doch spricht seine perfekte Erhaltung dafür, dass er schließlich in ein Grab mitgegeben wurde. Zuvor hatte sich jemand noch eine besondere Verwendung überlegt: Der Boden des Gefäßes weist nämlich ein sorgfältig mit dem Bohrer angefertigtes Loch auf. Damit ließ sich der Kantharos zwar nicht mehr zum sorglosen Trinken verwenden, wohl aber als Rhyton, d.h. als Fließgefäß, welches das Herausrinnen einer rituell dargebrachten Trankspende ermöglichte. So konnte man ihn etwa auf das Grab eines Heros oder heroisch gedachten Verstorbenen stellen und dort mit Wein füllen; wie von Zaubermund geschlürft entschwand daraus die Flüssigkeit, sickerte in die Erde und erreichte dort schließlich den Adressaten.
Das Loch am Boden unseres Humpens ist ein einfaches Gimmick, in dem sich aber ein Gemenge von Vorstellungen und Effekten verdichtet: der beständige Durst der Toten; die mit der Form verbundenen übermenschlichen Qualitäten; die Wirkmächtigkeit des sich scheinbar von selbst leerenden Gefäßes. Dieses wird hier zum Medium, um tatsächlich mit einer anderen Welt in Austausch zu treten. There is a crack, a crack in everything. That’s how the light gets in, sang einst Leonard Cohen. Was Perikles und Zeitgenossen von der eher dunklen Welt des Totenreichs trennt, ist zuweilen nur so dünn wie der Boden eines Weinbechers.
Alexander Heinemann