Beim Schatz des Monats Juli 2024 handelt es sich um eine Bauurkunde des Königs Sin-kaschid von Uruk.
In der Stadt Uruk, einer der frühesten Großstädte der Welt und Wiege der Keilschrift, kam um das Jahr 1860 v. Chr. ein König namens Sin-kaschid an die Macht. Er begründete eine Dynastie, welche die im Süden Mesopotamiens gelegene Stadt für die nächsten 60 Jahre beherrschte. Für mesopotamische Herrscher ungewöhnlich ist der Umstand, dass Sin-kaschid nie seinen Vater erwähnt, sich nicht in eine Herrscherfamilie eingliedert. Das lässt vermuten, dass er ein Usurpator war. Vor allem durch seine Bauprojekte hat er sich in Stadtbild und Geschichte eingeschrieben: Er baute an Tempeln für Götter (u.a. am Tempel der Stadtgöttin Inanna/Ischtar) und an seinem eigenen großen Palast (ca. 100 x 145 m).
Aus diesem Palast stammt der "Schatz des Monats" Juni. Wie in Mesopotamien üblich, verewigte der Bauherr in dem Gebäude seinen Namen, und zwar besonders gründlich: Er verbaute viele beschriftete Ziegel, ließ aber zusätzlich noch auf Hunderten Tontafeln und Tonkegeln seine Inschriften anbringen. Letztere Bauurkunden ließ er im aufgehenden Mauerwerk alle vier Ziegelschichten, das heißt ca. alle 0,5 m, auf Rohrmatten verteilen, sodass man sich das ganze monumentale Bauwerk mit Inschriften durchzogen vorzustellen hat.
Die Tontafel der Altorientalischen Sammlung (AOST 67) ist eines dieser Exemplare. Sie ist mit Maßen von 6,9 × 5,3 × 2,4 cm nicht besonders groß. Auffällig sind ihre ebenmäßige Form und der Umstand, dass sie aus gebranntem Ton besteht. Da Brennmaterial in der holzarmen südmesopotamischen Ebene zwischen Euphrat und Tigris rar war und Ton auch ohne Brennen hinreichend hart wird, sind Alltagstexte, wie Urkunden und Briefe, in der Regel nicht gebrannt. Für seine Bauurkunden jedoch war König Sin-kaschid kein Aufwand zu gering. Er wollte ihnen Dauer verleihen und ließ sie deshalb brennen.
Was besagt nun die Inschrift? Sie lautet: „Sin-kaschid, der starke Mann, der König der Stadt Uruk (und) der Amnanum-Nomaden, hat seinen königlichen Palast gebaut." Lesbar war diese Inschrift auf den im Mauerwerk verbauten Tontafeln, Tonkegeln und Ziegeln nicht. Doch ihrem Zweck, den Namen des Königs Sin-kaschid zu bewahren, ist sie über 4000 Jahre hinweg gerecht geworden.
Prof. Dr. Wiebke Meinhold