Beim Schatz des Monats Mai 2024 handelt es sich um eine römische Münze mit einer echten Herkulesaufgabe.
Die vorliegende Münze (Nr. 25) ist eine 3,87 g schwere Silberprägung, ein sogenannter Denar, mit 19 mm Durchmesser aus Rom aus dem Jahr 80 v. Chr. Die Münze gelangte im Jahr 1888 mit der Stiftung von Dr. Karl von Schäffer, dem ehemaligen Direktor der sog. „Irrenanstalt Zwiefalten“ in die Sammlung des Instituts für Klassische Archäologie. Sie trägt heute die Tübinger Inventarnummer III 267/5.
Auf der Vorderseite der Münze lesen wir die Legende ROMA, die uns darüber Auskunft gibt, dass der Denar in Rom geprägt wurde. Im zentralen Bildfeld ist ein hübscher, nach rechts blickender Kopf der Roma, der Personifikation der Stadt, mit Helm mit einer Feder an jeder Seite dargestellt. Darüber ist mit dem Buchstaben D ein Zeichen der Münzstätte angebracht. Was beim Blick auf die Vorderseite überdies sofort auffällt, ist der eigenwillige, gezackte Rand der Münze. Die Funktion dieser in der spätrepublikanischen Münzprägung nicht unüblichen Gestaltung des Münzrands wird in der Forschung unterschiedlich gedeutet: Der gezackte Rand könnte einerseits dazu gedient haben, dass man einen unedlen Münzkern (typisch für antike Fälschungen) sofort erkannt hätte, andererseits könnte die besondere Form die Münzen gegen Abknappen der Ränder (zwecks Gewinnung von Edelmetall) geschützt haben. Tacitus erwähnt dagegen, dass die Germanen zu seiner Zeit diese republikanischen Denare mit gezacktem Rand angeblich besonders wertgeschätzt haben sollen.
Kehren wir wieder zu unserer Münze zurück und sehen wir uns die Rückseite an. Das Münzbild zeigt Herakles im Kampf gegen den Nemeischen Löwen. Die Szene zeigt uns, wie der antike Superheld den Löwen gerade vom Boden hochgezogen hat und würgt, während sich der Löwe mit aller Kraft gegen die Beine seines übermächtigen Gegners stemmt und aus der tödlichen Umklammerung zu entschlüpfen versucht. Links davon liegen Bogen und Köcher des Herakles, zu seinen Füßen seine Keule. Das Bild zeigt das dramatische Ende der allerersten der zwölf Aufgaben, die König Eurystheus dem muskelbepackten Heros auftrug. Noch heute nennen wir außerordentlich anstrengende Aufgaben nach den Arbeiten, die Herakles zu bewältigen hatte.
Die Legende C POBLICI Q F links der Kampfszene nennt den für die Prägung dieser Münzserie verantwortlichen römischen Beamten. Es handelt sich um einen gewissen Gaius Publicius, Sohn des Quintus, über den wir nicht mehr als seinen Namen wissen. Das Bild von Herakles im Löwenkampf war schon in der griechischen Vasenmalerei weit verbreitet und existierte bereits in der Münzprägung der unteritalischen Poleis. Warum hat dann Gaius Publicius genau dieses Motiv für seine Münzen reaktiviert? Es gibt einen ungewöhnlichen Inschriftenfund, der uns einen Hinweis liefern könnte: eine stadtrömische, vielleicht in die ausgehende Republik zu datierende Bauinschrift nennt eine Angehörige aus der Familie des Münzmeisters, der gens Publicia, die den Bau bzw. Wiederaufbau eines Heraklestempel (samt Türen und Altar) finanzierte. Es hat somit den Anschein, als ob die Familie des Münzmeisters einen besonderen Bezug zu Herakles hatte.
Die vorliegende Münze ist unter https://www.ikmk.uni-tuebingen.de/object?id=ID1662 auch im Digitalen Münzkabinett des Instituts für Klassische Archäologie virtuell zu besichtigen.